Die „Filmharmonie“ im Spiegel der Kritik

„Neue Film-Musik“, Reichsfilmblatt, Nr. 44, 5 November 1927

RFB_1927_nr35
Reichsfilmblatt, Berlin, 1927

Die Musikliteratur für Film im engeren Sinne, d. h. Musikstücke, die eigens für Film-Begleitzwecke geschrieben sind, wächst in einem überraschenden Umfang. Zahlenmäßig sieht es so aus, daß bis vor einem halben Jahr in Deutschland einschließlich der vom Ausland bezogenen Filmmusik etwa 500 „Kinothek-Stücke“ im Vertrieb waren. Diese Zahl hat sich allein im letzten Jahr mehr als verdoppelt.

Das Anschwellen dieser Literatur erbringt auf der einen Seite den erfreulichen Beweis dafür, daß der Bedarf an eigener Musikliteratur für Illustrationszwecke ständig im Wachsen ist und daß die Illustratoren mehr und mehr darauf verzichten, nicht filmeigene Musik beim Film zu benutzen. Auf der anderen Seite wirft die schnelle Produktion von Filmmusik die Frage auf, ob hier nicht etwa eine Produktion um des Produzierens willen in die Erscheinung tritt, die im ganzen auf einem mittleren Durchschnittsniveau bleibt und ohne fortschrittliches Ziel und Programm ist.

Geht man unter solchem Gesichtspunkt an eine der neuesten Sammlungen der Filmmusik heran, die von W. R. Heymann herausgegebene Filmharmonie, so ergibt sich eben die Frage, inwiefern diese Sammlung einen Fortschritt bedeutet auf dem Wege zur praktisch und künstlerisch wertvollen Filmmusik.

Der Umstand, daß die Sammlung sich im wesentlichen auf eine Anzahl von Komponisten stützt, die auch sonst ihr filmmusikalisches Können schon bewiesen haben, ist ein Beweis für den Willen, wirkliche Filmmusik zu sein.

Auf der anderen Seite fehlt ein eigentlicher Plan. Kernpunkt aber bei der Entstehung neuer Filmmusik sollte nun, nachdem wir schon über eine zahlreiche Literatur verfügen, die Ueberlegung sein: was braucht der Illustrator am notwendigsten?

Von diesem Standpunkt aus findet sich in der Sammlung immer noch eine große Anzahl von Stücken, die teils filmisch betrachtet keine hervorragend gute Verwendungsmöglichkeit bieten, teils aber in dieser Form schon recht häufig vorhanden sind. Es wäre aber vielleicht an der Zeit, hier etwas planmäßiger vorzugehen.

Und wiederum ist zu wissen, daß sich eine klare Erkenntnis dessen, wie Filmmusik „formal“ betrachtet aussehen muß, immer noch nicht recht durchsetzen kann. Würde man die Titel und Ueberschriften der einzelnen Stücke fortlassen, man geriete häufig in Verlegenheit bei Beantwortung der Frage, ob es sich um tatsächliche Filmmusik oder nicht etwa um Konzert- und Salonmusik handelte. Denn das beispielsweise die dreiteilige Liedform für den Film nicht das einzig Gegebene ist, sollte nachgerade bekannt sein. Wir finden aber unter den Stücken dieser Sammlung eine größere Zahl in der dreiteiligen Form. Bei manch anderen ist wieder die fehlende einheitliche Durchführung in bezug auf den Charakter des einzelnen Stückes zu bemängeln.

Die Sammlung enthält folgende Autoren: Becce, Heymann, Huppertz, Künnecke, Hans May, Mikulicz, Porret und Rust. Die meisten der erwähnten Autoren sind in der Filmmusik bereits genügsam bekannt, und es hat auch den Anschein, als ob eine große Anzahl der Stücke unmittelbar der Praxis entstammen. Hier liegt der eigentliche Wert der Sammlung.

Wir erwähnen, um des beschränkten Raumes willen, nur besonders den Namen Julien Porret. Die von ihm beigesteuerten Stücke scheinen eine besondere, filmdramatische Begabung zu verraten, die für die Zukunft vielleicht vielversprechend ist.

Br.