Geleitwort

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Filmharmonie. Original Music for Cinema. Edited by Werner R. Heymann. Berlin: Rühle, 1927

Die gewaltige Entwicklung der Filmindustrie in den letzten Jahren hat es mit sich gebracht, daß auch der Musik zum Film in viel höherem Maße als bisher von Publikum und Presse Aufmerksamkeit geschenkt wird. Heute genügt es nicht mehr, irgend eine gefällige Musik, aus Opern, Operetten oder beliebten Salonstücken zusammengesetzt, während eines Films zu spielen, wie man das früher tat – im wesentlichen wohl, um das Rattern des Vorführungsapparates zu übertönen – man verlangt heute von jedem Kinokapellmeister, daß er auf die einzelnen Phasen der Handlung eingeht und die diversen Schattierungen der dramatischen Vorgänge musikalisch entsprechend illustriert. Aus diesem Bedürfnis heraus entstand eine ganz neue Gattung von Musik: „Die Film-Musik“. Seit Jahren schon bilden die für Filmzwecke eigens komponierten Kinotheken und Film-Musik-Serien, meist amerikanischen Ursprungs, einen wachsenden Prozentsatz der Bibliothek jedes Kinodirigenten. Mit dem gesteigerten Bedarf entstand eine ständig wachsende Nachfrage nach neuer, dem Charakter des Films angepaßter Musik. Die Serien, die bereits im Handel waren, nutzten sich ab, das Publikum kannte die Musikstücke und wußte schon bei Beginn derselben, daß es jetzt tragisch oder stürmisch hergehen wird, seihst wenn die Entwicklung der Handlung noch gar nicht zu übersehen war.

In meiner langjährigen Praxis als musikalischer Illustrator eines der größten und bedeutendsten europäischen Filmtheater erschien mir neben dem Mangel an neuer Musik auch das Bedürfnis nach Vermehrung der musikalischen Substanz der Filmkompositionen als außerordentlich bedeutsam. Ich begrüßte es daher auf das Lebhafteste, als der Verlag Robert Rühle, Berlin, sich meinen Anregungen zugänglich zeigte und mich mit der Herausgabe einer neuen Film-Musik-Serie – „Filmharmonie“ – betraute, deren erste Werke jetzt vorliegen.

Ich will im folgenden kurz auseinandersetzen, auf welche Punkte ich bei der Herausgabe das größte Gewicht gelegt habe.

Selbstverständliche Voraussetzung war einwandfreier Druck, bequemes Format und billiger Preis. Besonderer Wert wurde auf die Instrumentation gelegt, für die die hervorragendsten Instrumentatoren, insbesondere Julien Porret, herangezogen wurden. Ist es doch für den Filmdirigenten von größter Wichtigkeit, daß das von ihm ausgesuchte Stück in jeder Besetzung klingt und sich den Filmvorgängen soweit anpassen kann, daß eine laute Stelle leise, und eine leise Stelle (durch Benutzung der Einziehungen) auch laut zu Gehör gebracht werden kann. Mein größtes Bestreben aber war, nicht, wie das bisher so oft geschehen ist, Stücke nur unter Berücksichtigung ihrer Eignung für Filmzwecke der Sammlung einzuverleiben; vielmehr erschien mir in erster Linie der wirkliche kompositorische Wert des Stückes maßgebend. Seine Verwendungsmöglichkeit für Filmzwecke wurde dann durch Titel und Untertitel möglichst klar und möglichst weitgehend festgelegt. Ich habe in erster Linie Komponisten zur Mitwirkung herangezogen, die auf dem Gebiet der Film-Musik Hervorragendes geleistet haben, ohne deshalb junge, vielversprechende Talente zu vernachlässigen.

So hoffe ich denn, meinen Kollegen mit dieser Sammlung eine wirkliche Bereicherung für ihr Repertoir geboten zu haben; eine Bereicherung nicht nur der Zahl, sondern auch dem Werte nach. Die Serie wird in rascher Folge fortgesetzt und jeweils „aus der Praxis für die Praxis“ ergänzt werden.

Berlin, im Juli 1927

Werner R. Heymann